Von Jürgen Becker

Laudatio auf Jacques Tilly

Ganz herzlichen Dank für die Einladung nach Düsseldorf.
Auch für das schicke Hotel, das passt richtig zur Stadt.
Obwohl da habe ich mich direkt geärgert.
Die haben da so dicke weiche Handtücher,
die krieg ich bei der Abreise gar nicht in den Koffer rein.

Doch vor der Abreise kommt erstmal die Laudatio.
Viele Städte bieten regionaltypische Qualitätsprodukte feil:

Aachener Printen,
Nürnberger Lebkuchen
Lübecker Marzipan
Frankfurter Würstchen
Oder Hamburger.
Oder Pariser.
Die will die katholische Kirche aus dem Verkehr ziehen.
Oder Limburger.
Den muss die katholische Kirche aus dem Verkehr ziehen.

Apropos Religion.
Sehr gern genommen wird auch der Westfälische Friede.
Oder ganz profan auf dem Bau:
Der Carrara Marmor, die Sollhofener Platte,
oder der Prager Fenstersturz.

Etwas Vergleichbares finden wir hier am Rhein leider nicht.

Mainz, Bonn, Köln, Neuss und Düsseldorf haben aber eines gemeinsam.
Die rheinischen Städte lieben die farbenfrohen Umzüge und Feste,
egal ob es nun hier in Düsseldorf der freche Rosenmontagszug,
in Neuss der traditionelle Schützenumzug,
in Köln der schrille Chistopherstreetday
oder in allen fünfen die fromme Frohnleichnams Prozession ist: Hauptsache, der Zoch kütt.

Die Unterschiede erkennt man erst im Detail.
Zwei ältere Damen aus Pempelfort waren auf Verwandtschaftsbesuch
in Köln und gerieten dort an den Rand der großen Fronleichnamsprozession.

Da sagt die eine. "Guckmal Käthe, wie schön, wie süß,
die jungen Mädchen mit den weißen Kleidchen, die Kommunionskinder." Da stellte eines der Mädchen kurz und knapp richtig:
"Mir sind keine Kommilionskinder,
mir sinn doch de Engelcher, du Arschloch!"

Hier erkennen wir zwei Grundregeln
rheinischer Qualitäts-Umzüge:
Erstens bestimmt die Idee an sich das Bild.
Es reicht völlig, wenn man wie ein Engelchen aussieht,
deswegen muss man sich aber nicht so verhalten.

Und zweitens eine prächtige Portion Frechheit,
die zur Pointe führt und den würzigen Duft des Humors in die Sache bringt.
Es gibt aber nur eine Stadt,
in dem diese Frechheit gepaart mit einer genialen Bild-Idee
zuverlässig funktioniert.

Wir würdigen hier heute einen Düsseldorfer,
der bereits als Schüler die Frechheit besaß,
wie ein Krimineller mit der Eisensäge
die Schulfenster des Comenius-Gymnasium aufzusägen
um dann mit Pinsel und Farbe bewaffnet die Schulwände mit Wandmalereien zu verschönern.

Jetzt wissen wir, das Wort Fresko kommt von Frechheit.
Einige jener frechen Fresken eines Unbekannten
hat die Schule liebevoll erhalten.
Zum 100. Jubiläum hat sich der Täter dann geoutet
und musste das Werk im Beisein der Direktoren signieren.
Heute ist es ein anderes Direktorium,
das seine Handschrift wünscht und bei Kräften unterstützt.
Ein großes Lob an das Comite Düsseldorfer Carneval,
das immer hinter ihm steht, auch wenn's brenzlig wird.
Das finden wir alle großartig und das muss auch so bleiben,
wenn es weiter Karnevalswagen geben soll,
die sich mit den Mächtigen anlegen,
vor allem auch mit denen, die sich für Allmächtig halten.

Unvergessen, der sich bückende Hitler,
der quasi als Nachgeburt die NPD ausschied.

Unvergessen die beiden völlig identischen Selbstmordattentäter,
die sich nur in der Beschriftung
"Klischee" und "Wirklichkeit" unterschieden.

Unvergessen der selbstherrliche Bischof,
der mit der langen Schleppe seiner Soutane die Missbrauchsakten zudeckt.

Die Düsseldorfer Wagen sind auf dem besten Weg,
zu einem weltweiten Qualitätssiegel zu werden.
Schärfer als die Solinger Messer.
Spitzer als die Brüsseler Spitzen
Mehr Stunk produzierend als der Limburger Käse.
Und pünktlicher fertig als der Berliner Flughafen.
Der Düsseldorfer Zug ist das einzige Großprojekt in Deutschland,
das unserer Exportnation zur Ehre gereicht.

Wenn ich dagegen nach Köln gucke.
Gut, der Zugleiter ist von Beruf Bestatter.
Der kennt sich aus mit geschmückten Wagen.
Du entgehst nur Gottes Zorn in einem Sarg von Kuckelkorn.
Aber die sind geistig tote Hose.

Deshalb rufe ich den Kölnern zu frei nach Willi Brandt:
Mehr Düsseldorf Wagen!

Ich liebe diesen feinsinnigen, blitzgescheiten und eleganten Mann
in der bekleckerten roten Latzhose und sein herrliches Team samt Hermann Schmitz.

Auch dafür, dass seine Wagen den allgemeinen Düsseldorf-Klischees - gediegen, spießig, neureich - so diametral entgegenwirken.
Ein Geschenk des Himmels.
Solche Wagen kann nur ein Gottloser bauen!
Denn Karnevalisierung heißt immer Umkehrung.
Der Narr wird König und der König wird erniedrigt.

Mer sinn doch die Engelcher, du Arschloch.
An den zahllosen Kommentaren im Internet erkennen wir:
Für manchen Fundamentalkatholiken, Islamisten und Neonazi
ist er das Arschloch.

Machen wir für diese die Umkehrung.
Machen wir heute diesen wunderbaren Mann zum König.
Zum König der Düsseldorfer,
zum Düsseldorfer des Jahres!
Film ab!