Rheinische Post, 17.10.2008

"Bei mir ist immer fünfte Jahreszeit"

INTERVIEW Der Künstler und Satiriker Jacques Tilly hat exklusiv für die Rheinische Post ein Düsseldorf-Memory entwickelt. Ein Gespräch über liebevollen Lokalpatriotismus, die Leidenschaft für den Karneval und positive Seiten von Köln.

Ist es Ihnen als Satiriker schwergefallen, ein so positives Bild von Düsseldorf zu zeichnen?

Jacques Tilly: Stimmt, das war ungewohnt, weil ich ja auf Bosheit getrimmt bin. Ich kümmere mich schon lieber um die Schattenseiten. Aber Düsseldorf hat eben keine.

Das klingt, als wären sie ein echter Lokalpatriot.

Tilly: Das kommt darauf an, welche Form von Lokalpatriotismus Sie meinen. Es gibt diesen Geburtsreflex: Hier bin ich geboren, deshalb ist es hier toll. Das ist mir zu platt. Ich bin eher der Lokalpatriot, der sein Urteil aus dem Vergleich zieht. Wer nie woanders gelebt hat, kann nicht beurteilen, ob es in seiner Heimat schön ist.

Wo haben Sie gelebt, und was haben Sie dort über Düsseldorf gelernt?

Tilly: Ich habe in Essen und Bochum gewohnt und plötzlich gemerkt, was ich an Düsseldorf so schätze: Der Rheinländer hat eine hoch entwickelte Kommunikationsfähigkeit. Man kommt mit jedem ins Gespräch, und die Gespräche sind gut. Aber Düsseldorf hat auch immer ein Affenglück gehabt.

Warum?

Tilly: Weil schon vor knapp 200 Jahren der Hofgarten angelegt wurde, weil im Zweiten Weltkrieg der letzte Bombenangriff nicht kam, weil der Rheinufertunnel eine städte-archi-tektonische Meisterleistung ist, die man gar nicht genug überschätzen kann. Und zugleich ist Düsseldorf eine junge Stadt, die nicht von der Geschichte erdrückt wird, sondern offen ist für alles Neue. Es gibt hier keine Traditionssperren.

Haben Sie die Motive für das Düsseldorf-Memory in Südfrankreich gemalt, um wieder den Lokalpatriotismus aus dem Vergleich zu erhalten?

Tilly Ja, ich habe das alles aus der Erinnerung gemalt. Aus der Ferne verdichtet sich das Bild, und man gelangt zum wahren Kern. Es waren erst 55 Ideen, aus denen wir dann 30 ausgesucht haben.

Nach welchen Kriterien?

Tilly: Wir haben die Motive mit den besten Geschichten genommen. Einfach nur das Bild wäre mir zu langweilig gewesen, deshalb habe ich Anekdoten erfunden. So guckt der Fernsehturm zum Beispiel fern.

Ein kleines bisschen Satire haben Sie dabei dann doch noch einfließen lassen. Das Bild vom Rathaus zeigt viele Menschen, die sich davor auf den Boden werfen.

Tilly: Der Bürgermeister ist als erster Bürger der Stadt immer anbetungswürdig. Das ist nur ein Trostpflaster für all die Wunden, die ich ihm im Karneval noch zufügen werde.

Was erwartet Dirk Elbers dann?

Tilly: Das kann ich Ihnen leider noch nicht verraten, aber wir arbeiten schon seit dem Frühjahr an den Wagen für den Rosenmontagszug. Für mich ist immer fünfte Jahreszeit. Das ist auch so eine schöne Eigenschaft Düsseldorfs: Düsseldorfer haben echt Humor: Heine, Spoerl, das Kom(m)ödchen. Die Schwere des Lebens ist hier nicht zuhause.

Ein bisschen Lokalpatriotismus im Schnelldurchlauf: Altbiertrinker?

Tilly: Wenn ich Bier trinke, dann Alt.

Fortuna oder DEG?

Tilly: Ich hab beide gleich lieb.

K 20 oder 21?

Tilly: Eher 21, aber ich mag auch das Museum Kunst Palast sehr gerne.

Neben Karnevals- auch Kirmesfan?

Tilly: Ich wohne in Oberkassel und will mal so sagen: Wer den Krieg überleben will, der muss zum Krieg werden.

Ihr Lieblingsort in der Stadt?

Tilly: Ich mag die Straßen hinter der Kunstakademie sehr gerne.

Können Sie fünf nette Dinge über Köln sagen?

Tilly: Ja... (überlegt lange).

Na gut drei.

Tilly: Also Köln ist schon mal schön weit weg. Das ist eine gute Sache. Und...oh je...Ich meine, so eine Sache müsste ja dann besser sein als in Düsseldorf. Oh, ich weiß noch eine: Jeder Kölner ist von Geburt an Karnevalist, egal ob rechts, ob links, ob autonom oder konservativ. Zwei nette Dinge müssen reichen.

Christian Herrendorf führte das Interview.

Bildtext:
Jacques Tilly inmitten der 30 Motive, die er für das Memoryspiel entworfen hat. RP-FOTO: ANDREAS BRETZ