Rheinische Post, 9.11.2009

Stadt lässt Narren zu sehr alleine

Düsseldorf (RP) Der Rheinischen Post liegt am Mittwoch (11.11.) ein Poster des Satirikers und Wagenbauers Jacques Tilly bei. Bereits ab heute gibt es das Bild in extragroßem Format zu kaufen. Im Interview erklärt Tilly, warum er für mehr Stolz auf den Karneval wirbt und was er über Köln gemalt hat.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, Düsseldorf als Karnevalshochburg zu betonen?

Jacques Tilly Mit seinem Karneval hat Düsseldorf ein starkes Pfund, aber es wird versäumt, mit diesem Pfund auch zu wuchern. Bei meinen Besuchen anderer Narrenhochburgen, vor allem aber bei meinen Reisen ins italienische Viareggio, habe ich erlebt, wie andere Städte ihren Karneval als Trumpfkarte vorbildlich ausspielen. Das aktuelle Poster soll zeigen: Auch unser Karneval ist ein starkes Stück Düsseldorf, auf das wir stolz sein können.

Was haben Sie in Viareggio erlebt?

Tilly Der dortige Karneval wird von der Kommune organisiert und hochprofessionell vermarktet. Dadurch ist er in ganz Italien ein Begriff, und die Stadt platzt während der Session aus allen Nähten. Der Karneval wird als Marke beworben, mit Logo, Maskottchen und einem hohen Grad an Wiedererkennbarkeit. Die ganze Stadt ist geschmückt, mit Postern, Fahnen und den Zugfiguren aus den Vorjahren. Schon wenn man aus dem Bahnhof kommt, begrüßen den Karnevalstouristen riesige Pappfiguren. Es ist fantastisch.

Was vermissen Sie im Vergleich dazu in Düsseldorf?

Tilly Ich finde, dass die Narren von der Stadt zu sehr allein gelassen werden. Mit riesigem und dazu noch völlig ehrenamtlichem Einsatz stellen das Comitee Düsseldorfer Carneval und die Vereine Jahr für Jahr eine erfolgreiche Session inklusive Rosenmontagszug auf die Beine. Das wird immer für vollkommen selbstverständlich genommen. Die Stadt lehnt sich schön zurück und profitiert von der Viertelmilliarde Euro Umsatz, die der Karneval für Düsseldorf erwirtschaftet. Beim Zoch werden den Narren sogar noch kräftig Gebühren aufgebrummt.

Warum wird Düsseldorf nicht stärker als Karnevals-Hochburg präsentiert?

Tilly Die Möglichkeiten, den Karneval als starken Identitätskern dieser Stadt darzustellen und zu bewerben, werden kaum genutzt. Wie sollten die Politiker auch? Von den 92 Mitgliedern des Düsseldorfer Stadtrats zeigen gerade mal ein halbes Dutzend, dass sie dem Düsseldorfer Karneval verbunden sind. Zum Glück ist unser OB ein echter Jeck - wie schon sein verstorbener Vorgänger und dessen ganze Familie. Auch die Bürgermeisterinnen Strack-Zimmermann und Hock und ihr Kollege Conzen haben ihre Freude am Karneval. In Köln ist das ganz anders. Da stellen ja die Karnevalisten geradezu selbst den Stadtrat. Und die Stadt Köln weiß, was sie am Karneval hat. Dort wird bei der Köln-Tourismus GmbH zwölf Monate im Jahr für die Vermarktung und Bewerbung des Karnevals gearbeitet.

Was müsste getan werden?

Tilly Die Stadt müsste den Karneval als fundamentales Kulturgut anerkennen und sich stärker mit dem Karneval identifizieren. Und auch alle Düsseldorfer müssten begreifen, was für ein Highlight ihnen Jahr für Jahr in den eigenen Mauern geboten wird. Liebe Düsseldorfer, entdeckt euren Karnevalstrieb und lebt ihn aus. Lasst euch nicht von der Schweinegrippe, sondern vom Karnevalsbazillus anstecken. Denn Karneval ist gemeinsam erlebte Lebensfreude in Reinkultur.

Im vergangenen Jahr haben Sie den OB sehr positiv dargestellt und gesagt, dies sei ein Trostpflaster für künftige Wunden. Warum kommt er nun erneut gut weg?

Tilly Natürlich spotte und lästere ich viel lieber. Aber wenn der Mann keine Fehler macht und einen angenehmen, moderaten Politikstil fährt, was will man da machen? Wenn man keinen Stein im Köcher hat, sollte man nicht mit Dreck werfen.

Alle wesentlichen Damen und Herren des Düsseldorfer Karnevals tauchen im Bild auf - nur einer nicht: Sie. Warum nicht?

Tilly Selbstbeweihräucherung? Kommt nicht in die Tüte.

Über Köln ist in Ihrem Bild etwas großes Dunkles zu sehen. Was ist das?

Tilly Wie man hier sieht, entbehrt der gehässige Kölner Spruch "Über Köln lacht die Sonne, und über Düsseldorf die ganze Welt" jeglicher Grundlage. Nix Sonne, eine furchtbare Gewitterfront setzt der Domstadt zu. In der ersten Fassung erwischte es Köln noch ärger, aber aus Pietät gegenüber der überdimensionierten Kölner Bahnhofskapelle behielt die sanftere Version die Oberhand.

Ist es Zufall, dass ein Affe das Alaaf-Schild hält?

Tilly Wo denn? Das habe ich ja noch gar nicht gesehen.

Wo war der Fortuna-Ballon, als Sie mit dem Bild angefangen haben?

Tilly Den gab es anfangs tatsächlich noch nicht. Mit Fortunas rasantem Aufstieg habe ich dann noch den Ballon eingefügt. Und wir wollen mal nicht hoffen, dass er in den oberen Atmosphäreschichten wieder zerplatzt.

Ist der künftige CC-Präsident im Bild zu erkennen?

Tilly Am höchsten Punkt von Düsseldorf, auf der Spitze des Fernsehturms, sitzt das Maskottchen der Bäckerei Hinkel, der weiße Vogel mit der schwarzen Brezel. Aber als ich das zeichnete, da hatte sich das Kandidatenkarussell noch gar nicht in Bewegung gesetzt.

Christian Herrendorf führte das Gespräch.

INFO

Montag Die extragroße Ausgabe des Karnevalsbildes (A1-Format) gibt es ab heute in einer limitierten Auflage für 24,95 Euro (15 Prozent Premium-Bonus für Abonnenten) zu kaufen. Jacques Tilly wird es ab 18 Uhr in der Bahnhofsbuchhandlung Grauert signieren.
Mittwoch Das Poster wird im A2-Hochglanz-Format unserer Zeitung beiliegen.