Rheinische Post, 22.10.2007, von Uwe Reimann

Das ist kein Pappenstiel

Der Weltmeister der Wagenbauer, Jacques Tilly, bat zum zweitägigen Workshop in sein Atelier. 17 Frauen und Männer knickten, bogen, knoteten und drückten jede Menge Maschendraht in Stellung. Mit viel Pappe, noch mehr Leim und vor allem Tillys Tricks entstanden so respektable Grundgerüste.

Der Meister hat es fast immer mit Hohlköpfen zu tun. Nicht genug: Wie man mit denen auch noch umgeht und sie behutsam handhabt, damit sie nicht gleich zusammenfallen, zeigt Jacques Tilly jetzt auch anderen. Vorausgesetzt sie machen sich auch mal die Hände schmutzig und sorgen wenigstens nach außen für den schönen Schein.

Daniel Samuel ist so einer, der sich traut. Der Design-Student kommt aus Köln vom Karnevalsverein "Poorzer Nubbele" hierher, um bei Tilly das Knowhow des exzellenten Wagenbaus abzuschöpfen. "Toll, dass Jacques alle kleinen Tricks verrät und man es so richtig lernt", sagt der 28-Jährige. Kostprobe? Wer Maschendraht zu Rundungen formen will, muss die Drähte einfach zusammendrücken und schwupps entstehen Kurven. Früher hat Samuel sich dabei seine Finger mit rein gestrickt. Mit Tillys Tricks aber klappt's aus dem Effeff. Samuels Lektion des Wochenendes: Von den Düsseldorfern lernen, heißt biegen lernen.

Beim Blick an diesem Morgen in die Halle ist klar: Jeder Jeck baut anders. Stefan Schunk ist selbstständiger Bildhauer. Statt wie sonst was wegzumeißeln, baut er jetzt was zusammen. Erst das Gerüst aus Holz und Maschendraht, dann gilt es mit Pappe und viel Knochenleim die Figur zu offenbaren: einen Clown mit Eierkopp. "Ich denke ja immer dreidimensional. Da fällt es mir schon leichter", sagt der 42-jährige Düsseldorfer.

Da bleibt keine Hand sauber

Vom Fach ist Mario Kolodzeike aus Wiesbaden. Er ist mit zwei Bekannten aus dem "Häässischen" gekommen, um den Umstieg von von Styropor zum Maschendraht zu schaffen. Die Karnevalswagen beim "Carneval- und Brauchtumsverein Nordenstadt" sollen umgestellt werden auf die Düsseldorfer Leichtbauweise, die viel Material und Kosten spart. Da haben er und seine Bekannten für den zweitägigen Workshop natürlich nicht am falschen Ende gespart. Trotzdem witzelt er: "Na ja, 320 Euro sind ja kein Pappenstiel." Tätä...tätä...tätä!

Wer sein Drahtgerüst fertig hat, beginnt zu kaschieren. Die Pappe wird in Knochenleim getunkt auf die Hülle geklebt. Dafür köcheln schon mal zwei Eimer auf der umfunktionierten Herdplatte. Warm lässt er sich eben besser verarbeiten. Wer es bis dorthin geschafft hat, muss endgültig den Gedanken loslassen, er bliebe sauber. Pappe ist nur matschig zu verarbeiten. Während alle an den Gestellen werkeln, korrigiert Meister Tilly schon mal behutsam mit gut gemeinten Anregungen. "Missgeburten verhindern", nennt er das. Nicht, dass wieder ein Karnevalist anruft, der mit dem Stiel im Topf voll Knochenleim rührt und nicht mehr weiter weiß. "Der hatte statt Dreiviertel Wasser und ein Viertel Leim die Rezeptur verwechselt." Karneval ist, wenn man trotzdem lacht.

INFO
Praktikantenplätze

Der nächste Workshop zum Wagenbau ist im April 2008. Da sind nur noch wenige Plätze frei. Kosten für den zweitägigen Workshop mit praktischen und theoretischen Teilen: 320 Euro. Jacques Tilly hat derzeit noch zwei freie Praktikantenplätze. Interessierte können bis zum Rosenmontag, also in der heißen Phase der Session, dabei sein. Kontakt unter Telefon 0170/521 97 59 oder per mail an tilly@grossplastiken.de

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Mario Kolodzeike baut in Wiesbaden Karnevalswagen. Ihn interessierte die so genannte Düsseldorfer Leichtbauweise. rp-fotos(2): Paul Esser

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Aus Köln von den "Poorzer Nubbele" kam Daniel Samuel. Er will auch oberhalb des Rheins den hohen Düsseldorfer Wagenbaustandard etablieren.